Der alte Ludwigskanal, eigentlich Ludwig-Donau-Main-Kanal genannt, hat heute nur noch Freizeitwert. Dafür aber einen recht hohen, wie wohl alle Wanderer und Radler entlang dieser historischen Wasserstraße gern unterschreiben werden. Für uns im Flugzeug, ob wir nun in der Cessna oder im Hubschrauber unterwegs sind (auf dem Foto ich, der Autor und Fotograf dieses Berichts, Hajo Dietz, neben mir mein Helikopterpilot Ralph Kautzner, das Foto ist aufgenommen von Oliver Bönisch), dient der Ludwigskanal vor allem als Navigationshilfe und Wegmarke, wie dies Gewässer, Straßen und Schienenwege für uns Flieger meistens tun.
Lassen Sie mich mit einigen Luftaufnahmen entlang des Kanals, gesammelt aus mehreren Befliegungen, zeigen, dass der ehemalige Transportweg auch aus dieser Perspektive schöne und romantische Seiten hat.
Wer parallel dazu Bilder des Kanals aus der Fuß- und Radwandererperspektive sehen möchte, sollte unbedingt auf die sehr aufwändige Homepage des großen Kanalkenners Hans Grüner gehen. Er hat eine einmalige, vollständige Fotodokumentation aller noch vorhandenen Schleusen und Einrichtungen geschaffen und ins Netz gestellt. Weitere Links am Schluss.
Ein wenig zur Geschichte des Ludwig-Donau-Main-Kanals
Als Teil eines zentraleuropäischen Ferntransportwegs zwischen der Nordsee und der Donaumündung (man stelle sich die Dimension vor, wenn man heute hinter Ochenbruck seinen Fahrradplatten flickt) wurde 1825 von Ludwig I. der nach ihm benannte Kanal in Auftrag gegeben, bis 1830 von Heinrich Freiherr von Pechmann geplant und von 1836 bis 1846 von Bamberg bis Dietfurt gebaut. Für den Rest bis zur „Mündung“ in die Donau bei Kelheim wurde, wie für den Bau des aktuellen Main-Donau-Kanals, bereits damals schon einmal die Altmühl erweitert und schiffbar gemacht.
Kurze Zeit später schon holte die technische Entwicklung den Kanalbau ein. Vor allem die Eisenbahn, die ab 1835 ihren Siegeszug antrat, machte die Schifffahrtsstraße im doppelten Wortsinn überflüssig.
Irgendwann nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Kanaltrasse zwischen Bamberg und dem Nürnberger Süden schließlich ganz aufgegeben und Teile des Kanalbetts wurden zur Kanalisierung einer völlig neuen Überflutung verwendet. Man überbaute sie durch die A 73, den so genannten Frankenschnellweg, um der Blechströme Herr zu werden.
Nur noch das Kanaldenkmal an der A 73 unterm Erlanger Burgberg, das ursprünglich natürlich direkt am Kanal stand, erinnert noch mit folgender Inschrift an den historischen Wasserweg: "Donau und Main / Für die Schiff-Fahrt verbunden / Ein Werk von Carl dem Großen versucht / Durch Ludwig I. Koenig von Bayern / Neu begonnen und vollendet / MDCCCXLVI"
Die Luftbilder vom Kanal
Fangen wir nun am Anfang an. Oder am Anfang dessen, was noch übrig ist. Denn der alte Ludwigskanal war ja früher viel länger. Auf dem ersten Bild ist zu erkennen, ab welcher Stelle der Ludwigskanal heute noch (fast) in seiner alten Form existiert. Wir befinden uns über den Häusern der Nürnberger Baugenossenschaft Gartenstadt und schauen von Süd nach Nord. Links oben macht der Frankenschnellweg einen Bogen, um die alte Kanaltrasse nach rechts, also nach Süden zu verlassen. Die Trasse verläuft dann, von Bäumen gesäumt, unterhalb der Siedlung diagonal durchs Bild von links oben bis unten etwas rechts der Bildmitte. Bis Finkenbrunn (das ist die breite, vierspurige Straße, die, vom Hasenbuck über den Rangierbanhof kommend, quer durch die Gartenstadt verläuft und in die Hafenstraße mündet) ist das Kanalbett zwar noch gut erkennbar, aber trocken gelegt. Erst unten im Bild zwischen den Baumreihen ist der Anfang (oder das Ende?) der heute noch bestehenden Fragmente des Ludwigskanals zu erkennen.

Verlassen wir kurz den Ludwigskanal und gehen über tausend Jahre zurück und an eine ganz andere Stelle. Denn die allerersten Versuche, die europäische Wasserscheide mit Schiffen zu überwinden, rühmen einen noch viel früheren Herrscher. Bereits im Jahr 793 versuchte Karl der Große mit dem Bau eines Kanals zwischen Schwäbischer Rezat und Altmühl zu beginnen, dem so genannten Karlsgraben oder auch 'Fossa Carolina', dessen Bauruine auf dem nächsten Luftbild zu erkennen ist. Der Ort südlich darunter heißt bezeichnenderweise Graben und ist heute ein Ortsteil von Treuchtlingen. Regelrecht durchschnitten werden die Reste dieses frühen Kanalprojekts von der Bahnstrecke Nürnberg-München, die für den Fernverkehr jetzt durch die neue ICE-Strecke entlastet wurde. Mitten im Ort Graben befindet sich übrigens ein kleines, sehenswertes und engagiert geleitetes Fossa-Carolina-Museum, dem Besucher des Baudenkmals unbedingt ihre Aufmerksamkeit schenken sollten. Schon auch wegen des liebevoll renovierten Bauernhauses der Betreiberfamilie, in dessen historischen Wirtschaftsgebäuden sich die Ausstellung befindet.

Zurück zum Ludwigskanal nach Nürnberg. Nach der Gartenstadt läuft die Kanaltrasse entlang der Siedlung Falkenheim (hier der Blick von Norden nach Süden) Richtung Anschlussstelle Königshof der A 73 ...

... von der das Kanalbett hier zum ersten Mal durchschnitten wird. Auf dem nächsten Bild noch einmal der Blick in die Gegenrichtung von Süd-Ost (im Hintergrund das Industriegebiet des Nürnberger Hafens mit dem neuen Main-Donau-Kanal). Man kann gut erkennen, dass die Autobahnanschlussstelle genau über der ehemaligen Biegung des Ludwigskanals liegt. Von Bamberg kommend verliefen die Trassen des neuen und alten Kanals bis hierher ziemlich parallel. Von nun ab trennen sich die Streckenführungen für etwa 50 Kilometer:

Wieder etwas weiter südöstlich folgt der Nürnberger Ortsteil Worzeldorf, an dem der Kanal ebenfalls vorbei läuft (oder vielleicht besser vorbei „steht“?). Am unteren Bildrand überbrückt die A6, die links von Heilbronn kommend nach Amberg führt, die historische Wasserstraße.

Wir fliegen über Wendelstein und folgen dem Kanal durch den Ort vom oberen zum unteren Bildrand …

… und weiter Richtung Röthenbach bei St. Wolfgang. Hier führt, um Schleusen und damit Geld und Zeit zu sparen, das Kanalbett auf einer Anhöhe über einen Taleinschnitt, so dass die Straße vom Zollhaus hinter Langwasser nach Allersberg unter dem Kanal hindurch geführt werden konnte:

Auch das Ortsbild von Röthenbach bei St. Wolfgang ist sehr stark vom Kanal geprägt. Ganz oben der Gauchsbach-Brückkanal, eine der zwei noch erhaltenen von ursprünglich 10 Kanalüberführungen über ein anderes Gewässer:

Jetzt folgt die wohl brutalste, gleichwohl aber geschichtlich interessanteste Zäsur des Ludwigskanals, denn er wird gleich dreimal hintereinander von Fernverkehrswegen durchtrennt. Zuerst (unterer Bildrand) vom allerletzten Ende des Frankenschnellwegs (Einfahrt von der A73 in die A9), seinem Nachfolger auf der Trasse Bamberg-Nürnberg (als ob sich die A73 hier noch einmal mit der Zehenspitze zärtlich von ihm verabschieden wollte), dann von seinem historischen Todfeind, der Eisenbahn, hier in ihrer modernsten Form als ICE-Trasse Nürnberg-München (welch geschichtliche Duplizität zur Fossa Carolina!) und schließlich ganz oben von der A9 (im Hintergrund der Rasthof Feucht), über die sich schon seit Jahrzehnten all die Waren schleusen, die ursprünglich über den Kanal hätten transportiert werden sollen. Über welchen, lasse ich hier bewusst offen.

Es grenzt an ein denkmalpflegerisches Wunder, dass der alte Ludwigskanal zwischen diesen Großbauwerken wenigstens noch als rudimentäres Pfützenrelikt überleben konnte.
Eine der für hungrige und durstige Wanderer und Radfahrer wichtigsten Stellen am Kanal (vor allem für diejenigen, die nur bis hierher kommen und danach gerade mal mit Ach und Krach wieder zurück nach Nürnberg ;-)) ist die Gaststätte Bruckkanal (warum das Wort hier nicht wie sonst überall mit ü geschrieben wird, konnt' ich nicht herausfinden. Weiß jemand die Lösung?). Hier schließlich nimmt die Verschlingung und Überbrückung der Verkehrs- und Wasserwege fast medusische Dimensionen an. Im Hintergrund das vorbeirasende Inferno von A9 und ICE, und, tief darunter im Wald versteckt, der stille und wunderschöne historische Brückkanal, mit dem der alte Ludwigskanal über die Schwarzach geführt wird. Der kleinen Schwarzach übrigens, der scheinbar schwächsten und am wenigsten nutzbaren aller Trassen, so ist auf dem Bild zu sehen, haben sich im Laufe der Jahrhunderte alle Verkehrswege mit teilweise sehr aufwendigen Brücken beugen müssen.

So richtig zu durchschauen war dieses Gewimmel nur aus größerer Höhe, weshalb wir eben etwas höher gestiegen waren. Wie schon beim Gauchsbach-Brückkanal erwähnt, ist der Schwarzach-Brückkanal die zweite noch erhaltene von ursprünglich 10 solcher Kanalbrücken. Ein alter Stahlstich von Alexander Marx aus dem Jahr 1845, den ich in einem Antiquariat in Regensburg entdeckte, zeigt einen der abgebrochenen Brückkanäle, den früheren Dooser Brückkanal über die Pegnitz an der Nürnberg-Fürther Stadtgrenze, wo heute die A 73 das Kanalbett nutzt und eine moderne Brücke die Autobahn über den Fluss führt. Im Hintergrund ist die Ludwigseisenbahn sichtbar, deren dunkle Rauchzeichen schon gleichsam das nahe Ende des Kanals signalisieren:

Zurück zu den Luftaufnahmen. Aus größerer Höhe, die wir für das vorletzte Bild brauchten, sinken wir wieder herab auf etwa 300 m über Grund und schauen uns den Brückkanal über die Schwarzach und das Lokal noch einmal näher an. Mein Pilot Ralph und ich amüsieren uns köstlich über den Gedanken, welches Gesicht die Kellner wohl machen würden, wenn wir auf einer kleinen Wiese daneben landen und an der Getränkeausgabe im „Bruckkanal“ statt eines Radlers einen „Hubschraubler“ bestellen würden ...

Wir verlassen die große S-Kurve, die der Ludwigskanal an der Schwarzachbrücke macht und fliegen langsam weiter nach Süd-Westen, also Richtung Burgthann. Noch einmal bleiben wir stehen, drehen wir uns um, blicken zurück auf die Schleife und erkennen im Hintergrund die Querschneise von A9 und ICE-Trasse:

Mit einer Blattverstellung des Heckrotors, ausgelöst durch einen Tritt in die Pedale, dreht Ralph meine offene, rechte Hubschraubertür wieder nach Osten. Es ist zeitiges Frühjahr, als die Bäume noch sehr wenig Laub, das den Blick in den Kanallauf behindern würde, ausgetrieben haben, als wir mit unserem Helikopter außerhalb dichten Siedlungsgebiets etwas niedriger am Kanal entlang "wandern“. Hier auf dem Bild gleich sechs der ursprünglich insgesamt genau 100 Schleusen, die von den pferdegezogenen Schiffen zwischen Bamberg und Dietfurt zu bewältigen waren:

Ein Kanalwärterhaus liegt unter uns. Es ist eines von 69 entlang der Strecke, deren je nach Gelände variabler, von Pechmann entworfener Musterplan durch den Baukunstrat unter Leo von Klenze so abgeändert wurde, dass die Häuser „einen freundlichen und gefälligen Anblick gewähren“. Die ranghöchsten Schleusenwärter, die so genannten Kanalmeister, mussten neben umfangreichen Kontrollaufgaben auch dafür sorgen, dass das Obst der 40.000 an der Strecke angelegten Bäume versteigert wurde. Sehr schön sind hier auf dem Bild auch die so genannten Treidelpfade zu sehen, auf denen die Pferde geführt wurden, die die Schiffe vor Einführung des Dampfmaschinenantriebs zogen:

Die nun unter uns liegende lange Walddurchquerung ist wahrscheinlich das beschaulichste Stück des alten Kanals:

Pfeifferhütte kommt in Sicht, wird vom Kanal durchzogen und von uns im Hubschrauber auf unserer Kanalwanderung überquert:

Im nächsten Ort, in Rübleinshof bei Burgthann, erreicht der Kanal bei 417 m über NN seine Scheitelhaltung, also seinen höchsten Punkt. Die nächste Schleuse, die wieder „bergab“ führt, kommt erst nach 24 km (!) bei Sengenthal, südlich von Neumarkt. Insgesamt 187 Meter Höhendifferenz, auf 68 Schleusen verteilt, hatten die Schiffe von Bamberg bis hierher zu überwinden:

Wir folgen diesem Abschnitt mit Ehrfurcht. Man stelle sich die ingenieurtechnische Meisterleistung vor, mit den damaligen Messgeräten das beim Bau natürlich zunächst trockene Kanalbett über eine derart lange Strecke so exakt waagerecht zu konstruieren, dass dann später auch wirklich nichts ausläuft.
Auf dem nächsten Bild sehen wir Schwarzenbach, das der Kanal auf einem Damm durchquert, dessen relativ große Höhe aus der Luft kaum wahrnehmbar ist. Hier kann man im Sommer mit dem historischen Treidelschiff 'Elfriede' lebendige Kanalgeschichte er-"fahren". Im Hintergrund sehen wir, von noch laubfreien dichten Baumreihen gesäumt, den so genannten Dörlbach-Einschnitt, eine Kanalvertiefung durch höheres Gelände, die man auch aus dem Helikopter kaum erkennt. Deshalb hier nochmal ein Link auf die Homepage von Hans Grüner, der dazu wiederum einen schönen alten Stich von Alexander Marx zur Verfügung stellt.

Blicken wir nach Schwarzenbach hinein (ein neueres Bild vom Juli 2009), dann sehen wir die "Elfriede" liegen und können den Damm etwas besser erkennen, schon weil man den Straßentunnel darunter sieht:

... und ein Stück weiter haben wir nochmal einen guten Blick auf den Dörlbach-Einschnitt. Musste der Kanal in Schwarzenbach noch "hochgehoben" werden, wird er jetzt vertieft, um seine Scheitelhaltung gerade verlaufen zu lassen. Der kleine Gutshof links des Kanals diente beim Bau des Dörlbach-Einschnitts als Verpflegungsort der Bauarbeiter und ist auch auf dem eben durch einen Link auf die Kanalseite von Hans Grüner gezeigten historischen Stich dargestellt:

Radfahrer begleiten uns, kaum langsamer als wir, oder kommen uns entgegen, bleiben stehen und winken uns nach kurzem Schreck zu:

Ich freu' mich drüber und winke durch die offene Hubschraubertür zurück:

Nur wahrlich empfindsamen Gemütern wird es noch gelingen, hier in der tiefen Oberpfalz Spuren der beiden Meere zu wittern, die dieses historische Wasserband für einige kurze Jahrzehnte verknüpfte und einen Hauch der Waren zu ahnen, die tatsächlich oder in der Phantasie der Erbauer dieses Kanals über ihn transportiert wurden oder hätten transportiert werden sollen, hier an dieser höchsten, entlegensten Stelle, an der die Flüsse Main und Donau einst zärtliche, kaum wahrnehmbare Hochzeit hielten.
In der Blütezeit des Kanals war es gar nicht wenig, was auf dem Wasserweg ausgetauscht wurde. Und wenn man bedenkt, dass ein Treidelschiff, das gerade mal von einem einzigen Pferd gezogen wurde, das dreifache Gewicht einer heutigen LKW-Ladung, nämlich etwa 100 Tonnen transportieren konnte, dann wird jedem klar, wie verschwenderisch wir mit Energie umgehen, wenn wir heute denken, an jedem Ort über jeden noch so unsinnigen Artikel und jederzeit im Jahr über frische Erdbeeren verfügen zu müssen.

Bei Unterölsbach biegt der Kanallauf in mehreren Windungen schließlich in die südliche Richtung ab, die er bis Beilngries nicht mehr verlassen wird. Im Hintergrund ist bereits Berg bei Neumarkt zu sehen:

In einer Großübersicht (wir steigen wieder etwas höher) sehen wir den Ludwigskanal von Berg kommend (im Bild links oben) bis nach Neumarkt i. d. Opf.:

Die früheren Erwartungen Neumarkts, durch die Kanalanbindung auch Anschluss an die Industrialisierung und an Fortschritt und Wohlstand zu erlangen, erfüllten sich erst mit der Fertigstellung der Eisenbahnlinie Nürnberg-Regensburg 1871. Wieder einmal musste sich die Wasserstraße in einer Schlacht gegen das Flügelrad geschlagen geben.
Die Landesgartenschau von 1998 als Teil des Ausstellungsgeländes durchschneidend...

... mit einem Zwischenstopp am früheren Neumarkter Kanalhafen, am heute größten zusammenhängenden Schulzentrum Bayerns vorbei ...

... und schließlich die Stadt auf exaktem Südkurs wieder verlassend, zieht der Ludwigskanal weiter, rechts und links von großen, bedeutenden Industrieanlagen begleitet, fast verschämt hinter dichtem Baumbestand versteckt, vielleicht weil deren Ansiedlung nicht ihm, sondern viel mehr der Eisenbahn zu verdanken war. Noch immer liegt das Wasser waagerecht in seinem Bett, seit immerhin rund 20 km, von keiner Schleuse emporgehoben oder gesenkt:

Kurz vor der Schlierferhaide, am rechten Bildrand der nächsten Aufnahme ziemlich weit oben, wird schließlich die Scheitelhaltung durch die Schleuse 32 beendet. Es geht Richtung Donau wieder abwärts. Entlang am Firmenareal eines großen Baukonzerns folgt der Ludwigskanal noch immer seiner genau südlichen Richtung, nun auch parallel zur ehemaligen Eisenbahnlinie zwischen Neumarkt und Dietfurt, die ebenfalls das Schicksal des Kanals ereilte. Zwar mit etwa 60 Jahren Verspätung, aber dafür ab hier endgültig. Auch sie wurde sprichwörtlich von der Zeit überholt und so laufen hier heute zwei historische Transportwege nebeneinander her, der Ludwigskanal und das frühere Schienenbett der Eisenbahn. Beide genießen als umgenutzte Denkmäler der Logistik der Gründerzeit ihr Gnadenbrot durch ihre Attraktivität bei Wanderern und Radfahrern. Ich selbst fuhr die ehemalige Bahnstrecke bis Dietfurt in den 60er Jahren noch oft als Kind, wenn ich mit meinen Eltern zu unseren Verwandten aufs Land fuhr. Das Quietschen der Räder und das laute Pfeifen der Dampflok hab ich heute noch im Ohr. Und immer um diese Zeit blühten Schlüsselblumen am Bahndamm und am Kanalufer, die immer wieder für Sekunden von am Abteilfenster vorbeiziehenden Dampfwolken verhüllt wurden:

In Mühlhausen an der Sulz fühle ich mich, was den Kanallauf betrifft, an Berg bei Neumarkt erinnert. Genauso begrenzt die Wasserlinie hier die Besiedelung. Nur dass der Kanal hier im Gegensatz zu Berg östlich am Ort vorbei zieht.

Nach Mühlhausen, an der Gemeindegrenze zu Berching, kommt es zu einer weiteren, nun fast schon dramatischen Vereinigung, wenn von Westen (auf dem Bild von links unten) her der große jüngere Bruder der Wasserstraße, der heutige Main-Donau-Kanal (die Schleuse ist das südöstliche Ende seiner Scheitelhaltung), sich der Topografie beugend in einer großen Biegung im nun folgenden Sulztal in die Parallelität der Verkehrswege nach Süden einreiht und als Morgengabe ein großes Wasserreservoir mit in die Vermählung einbringt (hier wird erklärt, wozu es dient) sowie, als Zeichen der heutigen Zeit, ein gewaltiges Solarkraftwerk, dessen Dimensionen erst aus der Luft erfassbar werden. Kaum sichtbar dagegen der Ludwigskanal, der sich fast verschämt unauffällig auf der Luftaufnahme ganz oben von links nach rechts durch das Bild zwischen Ort und Waldrand entlang tastet.

Auf dem nächsten Bild die mittelalterliche Stadt Berching, deren Mauern eingekuschelt sind zwischen beiden Kanalbetten. Die anfänglichen Klagen über die Zerstörung der Natur sind offenbar mehr und mehr der Freude über die Touristen gewichen, die beide Kanalprojekte der Stadt und der Landschaft heute bescheren. Zwischendrin erkennt man den Lauf der Sulz, die sich gegenüber ihren künstlichen, statischen Begleitern mit ihrem fast anarchistisch gewundenen Bett über ihre natürliche Freiheit zu freuen scheint:

Hier um Kloster Plankstetten wird deutlich, weshalb es so viele Wanderer und noch mehr Radfahrer hierher zieht. Die am alten Kanal früher noch für die Vorwärtsbewegung notwendigen und aus der Luft als helle Streifen gut erkennbaren Treidelpfade sind am neuen Kanal natürlich nur noch Atavismen, die neben der Instanthaltung dem gleichen Zweck dienen wie heute am Ludwigskanal, nämlich als willkommene, nahezu gefällefreie Rad- und Wanderwege:

Am unteren Bildrand endet nun fürs erste das, was in der Nürnberger Gartenstadt begann. Trotz scheinbar harmonischen Gleichklangs, den der hier aus der Luft gut erkennbare Parallelschwung entlang des Sulztals vermuten lässt, versickert ab hier der alte Ludwigskanal, von einzelnen Rudimenten abgesehen, langsam in der Geschichte und in der topografischen Rivalität mit seinem jüngeren und größeren Artgenossen. Man möge sie ihm verzeihen, holt doch den neuen Kanal schon von Beginn an das gleiche Schicksal ein wie seinen Ahnherrn, den Ludwig-Donau-Main-Kanal, der schon kurz nach seiner Fertigstellung einen höheren Freizeit- als Transportwert hatte. Seit Beginn der Industrialisierung scheint sich die Halbwertszeit des originären Nutzens solcher Bauwerke immer weiter verkürzt zu haben. Der große Gewinner ist im Moment die Autobahn. Wenn ich im Stillen mein eigenes Reise- und Konsumverhalten selbstkritisch überprüfe, dann frage ich mich, um welchen Preis und wie lange wohl noch?
Eigentlich schade, dass ich den Kanal noch nie in voller Länge mit dem Rad entlang gefahren bin. Jetzt, wo ich ihn aus der Luft kennen und lieben und so viel Wissenswertes über ihn gelernt habe, werde ich das sicher bald nachholen. Hat jemand Lust, mich zu begleiten?
Text und Fotos: Hajo Dietz
Wer noch mehr über den Ludwig-Donau-Main-Kanal erfahren möchte, dem empfehle ich den Besuch folgender Seiten:
www.hansgruener.de/kanal www.ludwig-donau-main-kanal.de www.andre-kraut.de/kanal Wikipedia |